„Papier ist grüner als Plastik“ – und andere Tütenmythen

Schon seit den 70er Jahren gibt es Plastiktüten in den meisten deutschen Supermärkten nicht mehr umsonst und es folgen immer mehr andere Läden wie Bäcker und Drogerien. Im Portmonee tut das weh und somit steigt die Zahl der Deutschen, die auf Papiertüten oder ihre eigenen Einkaufstaschen zurückgreifen. Nun ebnet die Europäische Kommission den Weg für ein komplettes Verbot von Plastiktüten nach amerikanischem und chinesischem Vorbild. Während der Ruf der alten Plastiktüte weiter und weiter zerbröckelt, präsentiert sich die Papiertüte als umweltfreundliche Alternative. Zurecht? Wir haben die Fakten rund um Herstellung, Nutzung und Entsorgung der unterschiedlichen Tüten gesammelt.

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In der Herstellung und Nutzung hat Plastik die Nase vorn

hemdchen-taschen_2008Zunächst müssen alle Tüten erst mal hergestellt werden. Papiertüten werden sehr oft aus „neuem“ Papier hergestellt. Alleine schon für den amerikanischen Markt werden deswegen jährlich vierzehn Millionen Bäume gefällt und das nicht von traditionellen Holzhackern, sondern mit schwersten industriellen Mitteln. Nach drei Jahren trocknen wird das Holz verschnippelt und mit Chemikalien, Bleichmitteln und frischem Wasser gekocht. Sowohl das Fällen als auch die Aufbereitung und vor allem die benötigten Wassermengen belasten die Umwelt sehr stark. Plastiktüten werden aus Polyethylen hergestellt, was ein Nebenprodukt der Ölraffinerie ist. Die kleinen Pellets werden erhitzt und maschinell zu einer Röhre geformt. Anschließend werden in regelmäßigen Abständen die Tütenböden und Henkel gestanzt. Die Umweltverschmutzung in Form von Chemikalien, die bei den unterschiedlichen Verarbeitungsprozessen freigesetzt werden, nimmt sich nicht viel.
Wie die Tüten genutzt werden, ist personen- und länderabhängig. Während Verbraucher in Nordwesteuropa und den Vereinigten Staaten eher aufgeklärt und bewusst versuchen, umweltschonend mit Tüten umzugehen, werden in Süd- und Osteuropa jedes Jahr immer noch um die 500 Plastiktüten pro Person nur einmalig benutzt. Die Kraft von Papiertüten lässt nach dem ersten Gebrauch stark nach, was sie in der Regel zu Einwegtüten macht. Plastiktüten werden viel öfter wiederverwendet oder umfunktioniert zum Müllsack oder Verpackungsmaterial.

Der Knackpunkt: Entsorgung und Wiederverwertung der Materialien

In der Theorie sollten sowohl Papiertüten als auch Plastiktüten immer recycelt werden. In der Praxis werden Papiertüten zwar zum größten Teil als Altpapier verwertet, aber danach kommen sie wegen Elastizitätsverlusts als Pappe und nicht als neue Tüten zur Welt. Im Vergleich macht die Wiederverwertung von Plastiktüten wesentlich weniger Aufwand: die Tüten müssen nur geschmolzen werden und der neue Herstellungsprozess kann direkt im Anschluss losgehen. In Zahlen sind das genau 2% des Aufwands beim Recyceln einer Papiertüte. Dennoch landen die meisten Plastiktüten in der Müllverbrennung, was für die Industrie einfach noch günstiger ist. Sogar die sogenannten Biotüten, die eigentlich komplett abbaubar und deswegen umweltfreundlich sein sollten, verursachen laut englischer Forschung die wenigsten Schäden und Kosten, wenn sie verbrannt werden.

Unachtsamkeit mit dramatischen Folgen

Auch wenn die Herstellung von Papiertüten bedeutend umweltbelastender ist als die von Plastiktüten, sind die Folgen von Plastik in der Natur sichtbar verheerend. Wird eine Papiertüte achtlos weggeschmissen, was relativ selten passiert, zersetzt sich das Papier durch Witterung innerhalb absehbarer Zeit. Falsch entsorgte Plastiktüten dagegen haben mittlerweile riesige Plastikinseln in den Ozeanen gebildet, verstopfen Wasserwege und treiben jährlich hunderte von Meerestieren in den Tod. Insbesondere Schildkröten halten Plastiktüten für Quallen und ersticken oder blockieren ihr Verdauungssystem mit den Tüten.

Unterm Strich

Wer es richtig machen will, investiert am besten einmalig in eine langlebige Einkaufstasche. Das Material spielt dabei witzig genug kaum eine Rolle, denn eine „richtige“ Einkaufstasche ersetzt im Schnitt 1000 Plastik- oder Papiertüten. Dieses Vorhaben hat nur einen Haken – es verlangt die Änderung eines Verhaltensmusters, das bei den meisten Menschen sehr tief verwurzelt ist. Wer seine Tasche mal vergisst und ohne einkaufen geht, greift schnell wieder auf eine Tüte zurück. Hier lohnt sich die gleiche Herangehensweise wie bei Regenschirmen. Am besten führt man immer ein kleines Modell mit sich in der Handtasche oder dem Aktenkoffer, hat für alle Fälle eine Tasche im Büro und immer ein oder zwei Stück im Kofferraum. Am besten mit schönem Schildkrötenmotiv.

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